Mi 02. April 2025
Was tun, wenn der Gummi ausgeht? Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das keine theoretische Frage, sondern eine unmittelbare Herausforderung. Der Erste Weltkrieg brachte nicht nur Leid und Zerstörung – auch viele Rohstoffe wurden knapp. Besonders der begehrte Kautschuk, aus dem unter anderem Reifen gefertigt wurden, war plötzlich kaum noch verfügbar. Doch der menschliche Erfindungsgeist fand, wie so oft, kreative Wege aus der Not.
Ein ungewöhnliches Beispiel dafür wurde für die neue Dauerausstellung Materialwelten bereitgestellt: eine sogenannte „federnde Metall-Bereifung“. Dieses massive, komplett aus Eisen gefertigte Objekt wirkt auf den ersten Blick wie eine technische Kuriosität – und ist doch ein echtes Stück Technikgeschichte. 2023 wurde es dem Museum als Schenkung angeboten – ein Glücksfall, denn derartige Notlösungen sind heute extrem selten erhalten.
Der restaurierte Stahlfederreifen des Technischen Museums Wien auf weißem Hintergrund: Stahlfederreifen des Technischen Museums Wien
Stahlfederreifen des Technischen Museums Wien
Die Konstruktion ist ebenso schlicht wie eindrucksvoll: Etwa 53 Kilogramm schwer, besteht die Bereifung aus einem massiven Metallring, an dessen Außenkante 30 kräftige Druckfedern angebracht sind. Diese reagieren auf Belastung und ermöglichen ein leichtes Nachgeben – je nach Belastung kann der Durchmesser der Konstruktion um bis zu 1,8 Zentimeter nachgeben. Eine ungewöhnliche, aber effektive Lösung zur Dämpfung von Erschütterungen. Es handelt sich allerdings nicht um ein vollständiges Rad: Felge, Speichen und Nabe fehlen – erhalten blieb allein die eigentliche Bereifung. Archivmaterial deutet darauf hin, dass dieses Stück einst auf einem Personen- oder Lastwagen montiert war.

Metallfedernreifen des Technischen Museums Wien: Sepiafarbenes Originalfoto aus dem Jahr 1916: TMW-Metallfedernreifen: Originalfoto aus dem Jahr 1916
TMW-Metallfedernreifen: Originalfoto aus dem Jahr 1916
Notlösung mit System: Reifen ohne Gummi
Mit Beginn des Ersten Weltkriegs riss der Nachschub an Kolonialwaren ab. Gummi wurde knapp und unterstand bald der militärischen Kontrolle – prioritär verwendet für Gasmasken, Kabelisolierungen und wetterfeste Kleidung. Für den zivilen Bereich mussten Alternativen her. Eine davon: Räder mit Stahlfedern statt Gummibereifung. Ab 1916 kamen diese auf Sanitätsfahrzeugen und Fahrrädern zum Einsatz – eine pragmatische, aber wenig komfortable Lösung.

Konservierung und Restaurierung
Als der Reifen in die Restaurierungswerkstatt kam, wurde zunächst dessen Zustand und technischer Aufbau mit dem Team der Kurator:innen- und Restaurator:innen in Augenschein genommen. Das gesamte Objekt war von einer gleichmäßigen rotbraunen Schicht sowie einer dicken Staub- und Schmutzschicht überzogen. Der vorgefundene Zustand resultiert aus der langen Lagerung des Objektes im Schuppen des Vorbesitzers. Zusätzlich wurden Erdrückstände (vermutlich noch aus der Nutzungsphase) und Kalkspritzer (vermutlich Fremdfarbe/Farbspritzer während der Lagerung) vorgefunden. Bei der rotbraunen Schicht handelt es sich um Oxidation des Eisens mit Sauerstoff aus der Luft und stellt eine natürlich gealterte Oberfläche dar. Dies ist nicht immanent substanzgefährdend. „Aktive Korrosion“, die mit einer bis zu 10-fachen Volumens-Vergrößerung einhergehen kann und substanzgefährdend ist, konnte nur an einer Stelle von ca. 3 x 5 cm gefunden werden.

Verschiedene Typen von Metallbereifung mit unterschiedlichen Federungssystemen (v. l. n.r.) aus Druckfedern (1) und Blattfedern (2-4: Verschiedene Typen von Metallbereifung mit unterschiedlichen Federungssystemen (v. l. n. r.) aus Druckfedern (1) und Blattfedern (2-4)
Verschiedene Typen von Metallbereifung mit unterschiedlichen Federungssystemen (v. l. n. r.) aus Druckfedern (1) und Blattfedern (2-4)
Konzept und durchgeführte Konservierungsmaßnahmen: Zu Beginn wurde der Reifen trocken gereinigt: Mit Pinsel und Staubsauger entfernten die Restaurator:innen lose Staub- und Schmutzpartikel. Nach sorgfältiger Abwägung entschieden sie sich bewusst dafür, die erdigen Rückstände und die gleichmäßige rotbraune Oxidationsschicht nicht vollständig zu entfernen. Sie gelten als authentische Spuren der Nutzung und Lagerung – und erzählen ein Stück Objektgeschichte. Nur an einer kleinen Stelle mit aktiver Korrosion war ein Eingreifen notwendig: Dort wurde das Material gezielt stabilisiert, um weiteren Substanzverlust zu verhindern.

Detailaufnahme: Lokale, aktive Korrosion mit beginnender Volumens-Veränderung: Detailaufnahme: Lokale, aktive Korrosion mit beginnender Volumens-Veränderung
Detailaufnahme: Lokale, aktive Korrosion mit beginnender Volumens-Veränderung
Für die Ausstellung Materialwelten wurde für den „Metallreifen“ eine spezielle Stahlkonstruktion angefertigt, die das schwere Objekt sicher und elegant schweben lässt. Sie ist ab 10. April 2025 auf der Themeninsel „Gummi“ zu sehen – als eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Mangel den Erfindergeist beflügeln kann.

Der stehend aufgestellte Metallfederreifen in der Dauerausstellung „Materialwelten“: Der Metallfederreifen in der Dauerausstellung „Materialwelten“
Der Metallfederreifen in der Dauerausstellung „Materialwelten“
Text:
Katharina Wiesinger/Praxissemester-Studentin
Laura Ledwina/Leitung Team Konservierung-Restaurierung
Chris Clouter/Restaurator TMW
Anne-Katrin Ebert: Leitende Kuratorin der Dauerausstellung „Materialwelten“:

Lese-Tipp: Forschungsprojekt Koloniale Infrastrukturen